Giftige Skorpione im Klassenzimmer – Rektorin Delia Heck blickt zum Abschied zurück
23. Juni 2025
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wann und wo sind Sie geboren, Frau Heck?
Delia Heck: Ich wurde im Mai 1964 in Stolberg – in der Nähe von Aachen – im Rheinland geboren. Viele meinen, dass beim Sprechen mein „rheinischer Singsang“ immer noch zu hören ist.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wann wussten Sie, dass Sie Lehrerin werden möchten – und was hat Sie zu diesem Beruf motiviert?
Delia Heck: Tatsächlich habe ich mir schon als Grundschülerin gewünscht, selbst Grundschullehrerin zu werden.
Es hat mich absolut fasziniert, zu erleben, wie eine einzelne Person das Klassenzimmer betritt und, wenn sie es wieder verlässt, viele kleine Menschen etwas Neues, Spannendes oder Schönes erlernt und erlebt haben.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Gab es prägende Lehrerinnen oder Lehrer, die Ihren eigenen Weg beeinflusst haben?
Delia Heck: Mein Geschichtslehrer in der Oberstufe, Herr Plate. Er ist uns Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe begegnet und hat uns dazu angespornt, aus der Vergangenheit verantwortungsvolle Rückschlüsse für unser persönliches Handeln in der Gesellschaft zu ziehen.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Warum haben Sie sich speziell für die Grundschule entschieden?
Delia Heck: Gerade im Grundschulalter findet entwicklungsmäßig so enorm viel statt.
Ich will es einmal pointiert formulieren:
Erstklässler betreten die Schule mit der Kenntnis einzelner Buchstaben und verlassen sie unter anderem mit der Fähigkeit, eigene Buchvorstellungen zu halten und Informationen aus analogen und digitalen Medien zu recherchieren.
Zu Beginn bewegen sie sich im Zahlenraum bis 10 oder 20, am Ende zeigen sie unter anderem ein sicheres Zahlverständnis bis zu einer Million und beweisen Datenkompetenz im Hinblick auf Diagramme, Tabellen und Wahrscheinlichkeiten.
Auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung machen sie enorme Fortschritte. Durch pädagogische Begleitung, vertrauensvolle Beziehungen und ihre Erfahrungen werden sie zu reflektierteren, kommunikativeren und selbstbewussteren Menschen.
Sie wachsen nicht nur in den Fächern Mathe und Deutsch, sondern auch an sich selbst, an anderen und miteinander.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wann und wo haben Sie Ihr Lehramtsstudium und mit welchen Fächern absolviert?
Delia Heck: Ich habe voller Begeisterung in „Kölle“ studieren dürfen, und zwar Deutsch, Mathematik, Geschichte und Geographie. Später habe ich noch die Lehrbefähigung für evangelische Religion und Englisch erworben.
Zuerst habe ich in einem Studentinnen-Wohnheim am Volksgarten, dem Helfta-Kolleg, gewohnt. Die Mitbewohnerinnen kamen aus aller Welt. Eine großartige Chance bereichernde multikulturelle Freundschaften zu schließen.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: An welchen Schulen haben Sie während Ihrer Laufbahn unterrichtet?
Delia Heck: Mein langgehegter Traum – Klassenlehrerin in einer Grundschule zu werden – erfüllte sich in Düren-Derichsweiler. Dort habe ich unterrichtet, bis ich für unsere Tochter Deborah in den Mutterschutz gegangen bin.
Bevor ich an die Melanchthon-Schule kam, habe ich vier Jahre lang im Märkischen Kreis als Klassenlehrerin gearbeitet. Damals herrschte noch kein so ein großer Mangel an Grundschullehrerinnen und ich war sehr glücklich – nach meiner Erziehungszeit für unsere beiden Töchter – wieder in meinen Beruf „starten“ zu können, auch wenn dies eine längere Fahrt bedeutete.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wie sind Sie damals nach Wickede (Ruhr) gekommen?
Delia Heck: Der Liebe wegen! Mein Mann Thomas übernahm im März 1995 die Leitung des Senioren-Zentrums „Häuser St. Raphael“ in Wimbern. – Im Juni 1995 wurde unsere Tochter Deborah im benachbarten Marien-Krankenhaus geboren, unsere zweite Tochter Doreen im Januar 1998.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Seit wann waren Sie an der kommunalen Melanchthon-Grundschule der Gemeinde Wickede (Ruhr) tätig – und in welchen Funktionen?
Delia Heck: … als Grundschullehrerin seit August 2005, als Konrektorin ab November 2008 und beauftragt zur kommissarischen Leitung ab August 2011. Nach erfolgreicher Revisionsprüfung wurde ich dann im August 2012 zur Rektorin ernannt.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wer war Ihr Vorgänger als Schulleiter und hat er Sie noch eingearbeitet?
Delia Heck: Karl Klagges war mein Vorgänger. Sicherlich ist er vielen in der Gemeinde noch in Erinnerung. Da wir zwei Jahre lang in der Schulleitung zusammengearbeitet haben, war ich gut eingearbeitet, als er in den Ruhestand ging.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wie hat sich der Schulalltag für Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Jahrzehnten verändert?
Delia Heck: Zu Beginn meiner Laufbahn in den 1990er Jahren war eine Lehrkraft eher eine reine Wissensvermittlerin. Der Fokus lag auf dem Fachunterricht und der Vermittlung von Inhalten.
Die Lehrkraft arbeitete meist als Einzelkämpferin vor der Klasse. Frontale, lehrerzentrierte Methoden waren üblich und Elternkontakte fanden nur bei Problemen oder am Elternsprechtag statt.
Heute sind wir Lernbegleiter, Diagnostiker, Coaches, Teil eines multiprofessionellen Teams, IT-Fachleute und vieles mehr.
Die aktuelle Pädagogik orientiert sich an individuellen Förderbedarfen, Stärken, Interessen und sozialen Dynamiken.
In meinem ersten Klassenzimmer gab es lediglich eine Tafel, Kreide und die Möglichkeit, sich bei Bedarf einen Overhead-Projektor auszuleihen. Mittlerweile verfügen wir über digitale Tools, Lernplattformen, Tablets und internetfähige Bildschirme in allen Klassen.
Mit anderen Worten: Der Beruf der Grundschullehrerin hat sich zu einer hochkomplexen pädagogischen Profession verwandelt.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Welche Entwicklungen haben Ihnen besonders gefallen und was sehen Sie als problematisch an?
Delia Heck: Die Schule ist heute heterogener und inklusiver. Individuelle Förderung ist inzwischen leichter umzusetzen, die Teamarbeit und der Austausch wurden gestärkt und moderne Lehr- und Lernmethoden bringen mehr Eigenständigkeit und Kreativität in das Klassenzimmer. Das ist großartig!
Wir beobachten jedoch auch eine massive Zunahme außerunterrichtlicher Aufgaben. Dazu gehören beispielsweise Schulentwicklungsplanung, interne Evaluation, Notfallpläne, Datenschutz, Projektkoordination, multiprofessionelle Gremien, Konzeptentwicklungen und Dokumentationsverpflichtungen.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Warum ist Lehrerin für sie eine Berufung und kein Beruf?
Delia Heck: Trotz aller Herausforderungen ist der Beruf der Grundschullehrerin beziehungsweise Schulleiterin sehr erfüllend und überaus wichtig. Wir können einen positiven Unterschied im Leben der uns anvertrauten Kinder bewirken.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wie gut funktioniert Ihrer Meinung nach die Inklusion an Grundschulen?
Delia Heck: Als ich zum ersten Mal Klassenlehrerin wurde, gab es in meiner Klasse eine Schülerin, die stark gehbehindert war. Dies war ein absolutes Novum. Sie kam mit einem speziellen Dreirad in die Schule, denn ihre Eltern wollten sie aus Scham nicht in einen Rollstuhl setzen.
Inklusionskräfte gab es damals noch nicht. Ihre Tante saß deshalb jeden Tag – Schuljahr für Schuljahr – neben ihr und glich ihre motorischen Defizite aus. Sie war für mich eine Alltagsheldin!
Heute ist Inklusion ein gesetzlicher Auftrag und Anspruch. Gott sei Dank! Mehr noch: Inklusion ist kein Zustand, sondern ein Prozess.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Was braucht es, damit sie gelingen kann?
Delia Heck: Inklusion gelingt, wenn sich die Schule beständig die Frage stellt: „Wie muss sich unser System verändern, damit das Kind mit seinen Möglichkeiten mitlernen und sich wohlfühlen kann?“
Ich bin eine große Befürworterin der Inklusion in Regelschulen, sofern die Bedingungen für das Kind stimmen.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wie viele Kinder haben Sie in Ihrer gesamten beruflichen Laufbahn etwa unterrichtet?
Delia Heck: Das ist schwer zu sagen! Je nachdem, wie man es berechnet, sind es mit Sicherheit mehrere Tausend.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Gibt es besondere Erlebnisse, die Ihnen aus all den Jahren ganz besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Delia Heck: Nach meinem Studium habe ich ein Jahr lang in Mexiko als Lehrerin gearbeitet. Das war eine absolut spannende und aufregende Erfahrung, denn ich habe zeitweise auch in einem Zapoteken-Dorf mit der indianischen Urbevölkerung gelebt. Da gehörte es unter anderem auch zu meinen Aufgaben, giftige Skorpione aus dem Klassenzimmer zu entfernen. Das ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben!
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Wie haben Sie die Corona-Zeit erlebt?
Delia Heck: Corona war eine Zeit, die die Kinder, die Eltern und uns als Schule sehr geprägt hat. Für unsere Grundschulkinder war es eine lange Phase mit vielen Belastungen, insbesondere in den Bereichen Lernen, soziale Entwicklung und psychisches Wohlbefinden. Die Nachwirkungen sind teilweise noch heute spürbar.
wickede.ruhr HEIMAT ONLINE: Worauf freuen Sie sich im Ruhestand am meisten? Und bleiben Sie in der Gemeinde wohnen?
Delia Heck: Selbstverständlich bleiben wir im schönen Echthausen wohnen!
Und für „mein Leben 2.0“ wünsche ich mir die Möglichkeit, außerhalb der Schule sinnstiftende neue Wege für mich entdecken und gehen zu können.
Die Fragen stellte ANDREAS DUNKER für „wickede.ruhr HEIMAT ONLINE“

